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Latein wird derzeit nur mehr für die Schule (schola) und nicht für das Leben (vita) gelehrt und wenige sehen überhaupt noch einen Sinn darin, diese Sprache (lingua) zu lernen. Doch kann die lateinische Sprache (lingua latina) vielleicht als Ausweg aus dem europäischen Sprachendilemma dienen? Und kann ein EU-Großprojekt "gemeinsame Sprache Latein" nicht auch andere Hindernisse überwinden, Gemeinsamkeit schaffen und das Europäische Projekt vorantreiben? Vieles spricht dafür, sich nochmals dieser Frage zu widmen und dieser alten Kultursprache noch eine Chance zu geben. Denn Rom nach den römischen Verträgen, nicht Babylon, ist unsere Zukunft - Roma est Babylon non futurum.

Auch wenn die Lateinische Sprache immer noch einigermaßen häufig an europäischen Schulen gelehrt wird, dient sie zumeist nur mehr schulischen Zwecken. Wer nicht gerade vor hat im Vatikan Karriere zu machen oder sich mit der klassischen Philologie beschäftigt will, wird – außer um vielleicht in Rede und Schrift sein Bildungsbürgertum zu beweisen – Latein in der Praxis eher selten benötigen. Auch wenn viele Begriffe in die europäischen Sprachen eingeflossen sind und viele dieser Sprachen gar vom Lateinischen abstammen, ist dies vielen kein Grund, sich mit deren Herkunft auseinander zu setzen.

Man sieht aber gerade im aktuellen Wahlkampf vor der Wahl zum europäischen Parlament, dass es für Kandidat_inn_en die auf europäischer Ebene antreten nicht einfach ist. Denn im Angesicht von 24 Amts- und Arbeitssprachen und vielen weiteren Regionalsprachen und Dialekten ist es oft schwierig Anliegen so zu vermitteln, dass diese auch alle verstehen. Politik in einem demokratischen System soll aber nicht nur die politischen Eliten, sondern die gesamte Bevölkerung und alle Wähler_innen (electores) erreichen. Zum Glück sind die derzeitigen Spitzenkandidaten in mehreren Sprachen dermaßen bewandert, dass eine Diskussion in mehreren Sprachen möglich ist.

Englisch ist, wie überall auf der Welt, immer noch im Vormarsch. Trotzdem sind noch viele Menschen nicht in der Lage einer politischen Diskussion in dieser Sprache zu folgen. Außerdem ist es mit dem Englischen so eine Sache. Warum soll sich die EU eigentlich gerade der Sprache des Landes bedienen, das sich selbst eigentlich mehr am Rande als in der Mitte der Union sieht.

Natürlich kann die Verwendung von Latein daran auch nicht sofort etwas verändern. Außerdem ist die Bewahrung der europäischen Sprachenvielfalt nicht nur wichtig, sondern Ausdruck der europäischen Identität. Sprachenvielfalt bedeutet auch kulturelle Vielfalt und kulturelle Vielfalt bedeutet Reichtum an Vorstellungen und Ideen. Das muss sich Europa unbedingt erhalten. Daher sollte man sich die aufwändigen Übersetzungen nicht sparen, denn die EU muss für alle Menschen zugänglich bleiben bzw. noch zugänglicher werden.

Jedoch könnte die Verwendung einer gemeinsamen Sprache, die – aus heutiger Sicht – möglichst neutral in die Kulturen Europas eingegangen ist – und daher unbelastet von Vorurteilen dasteht – einen positiven, ja sinnstiftenden Einfluss auf die europäische Integration nehmen. Auch im Staate Israel war die Wiedereinführung des Hebräischen, das die gemeinsame Sprache des Einwandererstaates ist, wichtig um überhaupt ein funktionierendes Staatswesen aufbauen zu können. Europa fehlen die gemeinsamen Ziele und Projekte. Die Einführung einer gemeinsamen Sprache, die alle Menschen in Europa erlernen sollen, wäre ein Projekt, das nicht nur jeden und jede Bürger_in Europas betreffen würde. Es wäre ein ungeheuer visionäres Projekt, das nicht nur alle näher zusammen rücken ließe, sondern auch in der Lage ist, das Thema Bildung zu einem zentralen europäischen Thema zu machen.

Das sei auch jenen entgegenhalten, die meinen es sei nicht effizient eine neue Sprache erlernen zu müssen, weil Englisch ja schon von vielen gesprochen werde. Aber kurzfristige Effizienz ist nicht immer langfristige Intelligenz. Politik hat nicht auf den kurzfristigen Vorteil, sondern auf die langfristigen Entwicklungen zu schauen. Politik brauch Mut und Visionen.

Der bekannte französische Philosoph und Sozialist Jean Jaurès (1859-1914) erklärt in seiner 1891 verfassten lateinischen Dissertation, dass Latein als Universalsprache auch dem wahren Sozialismus entspräche.

Et il ne m'a pas déplu de traiter en latin des questions contemporaies, parce que c'est en cette langue qu'a été formulé le droit humain de l'antique philiosphie morale et qu'a soupiré et chanté la fraternité chrétienne. Au surplus, la langue latine est encore aujourd'hui la seule langue universelle commune à tous les peuples; elle convient donc au socialisme universel. Le latin convient encore à ce Socialisme Intégral, tracé par Benoît Malon, où le socialisme n'apparaît pas comme une étroite faction, mais comme l'humanité elle-même; où le socialisme semble étre l'image de l'humanité, de l'éternité.

Jean Jaurès, Les origines… p.151.

Im selben Licht kann man auch den Versuch Finnlands unter seiner Sozialdemokratischen Regierung im Rahmen der finnischen EU-Präsidentschaft im zweiten Halbjahr 1999 sehen, aktuelle Neuigkeiten neben Englisch auch auf Latein (Conspectus rerum latinus) zu präsentieren. Bemerkenswert ist dabei auch, dass Finnland jenes EU-Land ist, das am weitesten von Rom entfernt ist und vielleicht auch nie von einem Bewohner des Imperium Romanum betreten wurde. Außerdem wird in Finnland überwiegend eine nichtindogermanische Sprache (d.h. nicht mit dem Lateinischen verwandt) gesprochen.

Latein gehört zum Kern der Europäischen Kultur und sollte darin auch in der Zukunft einen Platz haben. Eine Sprache zu erlernen kann aber nur auf Dauer Sinn machen, wenn sie auch aktiv angewandt wird und sich dadurch vielleicht auch weiter entwickelt. Eine tote Sprache in den Schulen zu lehren ist deshalb kontraproduktiv, weil viele darin keinen Sinn finden. Es gibt schließlich keine konkrete Anwendungsmöglichkeit außerhalb der akademischen Auseinandersetzung mit dem Thema und die vermittelten Inhalte könnten ja auch im Rahmen des Geschichtsunterrichtes vermittelt werden.

Es gab auch bereits konkrete Versuche, Latein als über allen Nationalsprachen stehende offizielle Amtssprache in der EU zuzulassen. Finnland zeigte 1999 damit, worin ein einigendes Band Europas besteht: in der lateinischen Tradition. Im Zusammenhang mit der Ausweitung der EU auf final 28 Staaten plante die Brüsseler Kommission eine Sprachreform. Um eine Übersetzungsflut und astronomische Kosten zu vermeiden, sollte als Amts- und Arbeitssprache der Union das Lateinische eingeführt werden. So könnte man sich – auch unter Beibehaltung aller nationalen Sprachen als Amtssprachen – zumindest einige Übersetzungsrichtungen ersparen und nur mehr die akkordierten lateinischen Texte in die jeweiligen nationalen/regionalen Sprachen übersetzten. Außerdem würden auch Übersetzungsprobleme und Defizite bei Normtexten, wie Verordnungen, Richtlinien oder Urteilen des EuGH, vermindert.
Nicht zuletzt werden bereits jetzt Kompromissbegriffe wie die Bezeichnung der Datenbank bzw. des Internetauftrittes des Europäischen Gerichtshofes als "CURIA" oder jener des Rates der Europäischen Union als "CONSILIUM" ganz bewusst lateinische Begriffe gewählt.

Europa braucht Visionen, schenken wir Europa mit einer gemeinsamen lateinischen Sprache eine neue Vision.

Artikel zum Thema:

1.) EU erwägt Einführung des Lateinischen als Amtssprache, Die Welt, 01. April 2000
2.) Latein als Amtssprache, Deutschlandfunk, 30. Juli 2001
3.) Untote Sprache, Die Zeit, 5. September 2007
4.) Europasprache Latein, Universität Wien